Das Kind als Kampfmittel

Die Pandemie zeigt: Kinder und Kindeswohl werden für ideologische Zwecke ausgenutzt. Das angebliche Beste fürs Kind ist oft tatsächlich nur ein Vorwand, um den weltanschaulichen, wirtschaftlichen, parteipolitischen oder religiös-esoterischen Zielen der Erwachsenen zu dienen. Mit rasantem Tempo hat sich international eine Art „desinformation supergroup“ gebildet: PANDA. Die personellen Verbindungen reichen bis zu den Akteuren von #allesaufdentisch. Eine Kolumne von Annette Bulut

Ein kleiner Kreis von britischen, amerikanischen, deutschen und italienischen Journalisten und Rechercheuren hat sich privat auf Twitter zusammengefunden, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Man tauscht sich seit zwei Jahren regelmäßig aus, recherchiert und findet von Anfang an frappierende Parallelen. Dabei stoßen die vier Frauen und drei Männer immer wieder auf Erstaunliches.

So ergaben beispielsweise Recherchen zu den amerikanischen Moms for Liberty, der britischen UsForThem sowie der deutschen Initiative Familien (IF / zuvor: Eltern in der Krise bzw. Familien in der Krise), dass diese angeblichen Graswurzelbewegungen einem auffallend ähnlichen „Masterplan“ folgen und ihre hohe Medienpräsenz in allen drei Ländern stets durch die massive Unterstützung von rechten oder sehr konservativen Medien seit Stunde Null befeuert wurde. Auch sind es auffallend gut vernetzte, oft in Kommunikationsberufen oder Lobbyagenturen tätige Frauen, die diese Initiativen gründeten.

Den Mitgliedern des internationalen Desinformations-Supernetzwerks PANDA, das von hiesigen Gruppen wie Kinderrechte.jetzt und dem deutschen Waldpädagogen Bastian Barucker tatkräftig unterstützt wird, kommt dabei offensichtlich eine entscheidende Propaganda-Rolle zu. Ihr Gründer Nick Hudson trat auch bei #allesaufdentisch auf.

Es fällt weiterhin auf, dass in allen drei Ländern die Familien- oder Mütterinitiativen als politische Aktivistinnen auftreten und sich dabei regelmäßig nahestehenden Experten des Desinformationsnetzwerks bedienen. Andersherum werden sie häufig von Politikern unterstützt, die sich im Wahlkampf befinden. Dies zeigt sich etwa bei den amerikanischen Moms for Liberty.

Gegen woke Mathematik

Erst kürzlich schrieb der Spiegel über die Präsidentschaftsambitionen von Floridas Gouverneur Ron DeSantis und erwähnt dessen Kooperation mit Moms for Liberty. In einem Absatz heißt es: „DeSantis erhält eine weitere Auszeichnung für seine Verdienste, diesmal von Moms for Liberty, einer konservativen Aktivistinnengruppe, die die heiße Debatte über Amerikas Schulen mit angefacht hat. Er bekommt ein hölzernes Schwert in die Hand gedrückt, sie nennen es »das Freiheitsschwert«. Im Gegenzug verspricht DeSantis, gegen »woke Mathematik« zu kämpfen: »Unser Schulsystem ist für Bildung, nicht Indoktrination«.“

Diskussion über „Transkinder“

DeSantis erhält aber nicht nur den „Liberty Sword Award“ auf der nationalen Konferenz der Moms for Liberty in Tampa. Er tritt in seiner Rede auch eine Diskussion über „Transkinder“ los, genau einen Tag nachdem er kontroverse Bemerkungen über Erwachsene dazu gemacht hatte.

Doch diese Allianz gefällt nicht jedem. Lehrerinnen und Lehrer gingen Mitte Juli gegen die Moms for Liberty in Tampa (Florida) auf die Straße. DeSantis hatte mit der Unterstützung von Moms for Liberty und anderen Gruppen bereits Gesetze wie das „Don’t Say Gay “-Gesetz und das „Stop WOKE “-Gesetz verabschiedet, die beide darauf abzielen sollen, Lehrer in Klassenzimmern zu zensieren.

Ziel: Umbau der Gesellschaft

Dieses Beispiel zeigt, wie ernst man den gesellschaftlichen Einfluss dieser vermeintlich harmlosen Initiativen nehmen sollte. Denn tatsächlich könnte es um weit mehr gehen. Wohlmöglich um den Umbau einer offenen, diversen, toleranten, demokratischen Gesellschaftsform in eine ultrakonservative, libertäre, weiße, heterosexuelle und faschistoide Autokratie – wie es sich aktuell in USA abzeichnet.

Der Journalist Maurice T. Cunningham von tampabay.com kommt in seiner Kolumne: „Wer steckt hinter den Moms for Liberty?“ (Originaltitel: „Just who ist behind Moms for Liberty?“) zu einigen interessanten Ergebnissen. Interessant auch deshalb, weil sie viele Parallelen zu Initiative Familien und UsforThem aufweisen. Er schreibt: (Übersetzung) „Folgendes ist mir bei Moms for Liberty und ähnlichen Organisationen aufgefallen: die „Comms Moms“ – viele der Leiter dieser Gruppen haben einen Hintergrund in Marketing und Kommunikation. „ An der Spitze (Moms for Liberty) … sind politische Strategen, Risikomanager und Kommunikationsexperten – hochkarätige Frauen mit Verbindungen zu führenden staatlichen und nationalen Republikanern“, berichtet der Florida Phoenix. Die Presse von Moms for Liberty wird von Calvary Strategies betreut, dessen CEO ein ehemaliger Wahlkampfmanager und Stabschef von Senator (damals Gouverneur) Rick Scott ist.“

Christlich-fundamentalistisch: Verbindung zur Heritage Foundation

Und weiter fragt Cunningham in seiner Kolumne: „Wer finanziert die Gruppe und wie viel? Die Verantwortlichen von Moms for Liberty behaupten, mit T-Shirt-Verkäufen über die Runden zu kommen . Von den Koch-Brüdern haben sie kaum etwas gehört! Aber vielleicht haben sie schon vom Council for National Policy gehört. Zwei der Sponsoren des National Summit von Moms for Liberty, das Leadership Institute und die Heritage Foundation, sind entscheidende Mitglieder des Council for National Policy, eines geheimen Netzwerks rechter Milliardäre und christlich-fundamentalistischer Führer, das die rechte Politik unterstützt und koordiniert.“

Hochkarätige Kommunikationsspezialisten aus Lobby-Agenturen

In Deutschland hatte IF einen großen Anteil daran, dass die Schulen zum Politikum wurden. So forderten sie 2020, im Jahr ihrer Gründung, Schulöffnungen ohne Berücksichtigung des Inzidenzwertes und hatten umgehend persönlichen Zugang zu Spitzenpolitikern und Medien. Nur zur Erinnerung: auch hier waren, wie bei Moms for Liberty, Kommunikationsprofis am Werk. Von den sechs Gründerinnen von Eltern in der Krise (Vorgänger von IF) sind drei adlig und vier kamen aus PR-Abteilungen oder Lobbyagenturen wie Brunswick Group und CNC Kekst.

In Deutschland wäre es endlich an der Zeit die zahlreichen Verstrickungen der Initiative Familien aufzudecken. So wie es der aktuelle Artikel von Riffreporter gemacht hat. Dieser sorgte für Aufregung im Lager der Unterstützer, weil die beiden Autorinnen unter anderem darüber berichten, dass einzelne Mitglieder des Sachverständigen-Ausschusses für den Evaluationsbericht zur Covid-Pandemie eine Nähe zu Initiative Familien haben.

Von konservativ über rechtsoffen bis weit rechts

Der Bericht ist eine Ausnahme. Die politische Brisanz dieser Gruppe, die weit verzweigt ist und immer neue Untergruppen und neue Initiativen gründet, scheint in den deutschen Redaktionen bisher nicht wahrgenommen zu werden. Auch nicht wie eng die Kooperation der IF mit Teilen der Politik ist. So unterstützte die gesamte FDP-Fraktion in Bayern und ihr Fraktionsvorsitzender Martin Hagen eine Petition der umstrittenen Familieninitiative. Die SPD Emmendingen kam durch die Preisverleihung an eine IF-Sprecherin ins Straucheln. Auch öffentlich zu wenig beachtet werden die rechtsoffenen Demonstrationen, die von einer Gründerin der IF unter #friedlichzusammen organisiert werden. Hinzu kommt die offensichtliche Nähe zu Querdenkern. Sogar eine Unterwanderung von Scientology könnte theoretisch möglich sein.

Wie bereits bei übermedien.de berichtet erhielt IF nicht nur Unterstützung der Ex-Bundesfamilienministerin und Lobbyistin Kristina Schröder, sondern ab Stunde Null auch mediale coverage insbesondere von FAZ online sowie dem Axel-Springer-Medium WELT. Besonders kritikwürdig ist, dass die Vertreterinnen von Initiative Familien nicht als Lobbyisten, sondern nur als besorgte Eltern dargestellt wurden.

Unterdessen leitet Schröder den neugegründeten ThinkTank R21 zusammen mit Andreas Rödder. Dieser hat nicht nur das rechte „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gegründet, im Impressum der Initiative erscheint der umstrittene Honorarprofessor Hans-Christian Salger, der die demokratiefeindliche Atlas Initiative gründete. Ein Blick auf die Website der Denkfabrik R21 zeigt, dass die dort aufgeführten Personen eng miteinander verwoben sind, wie etwa durch Tätigkeiten bei INSM, FDP, CDU, Volkswagen oder der Atlas Initiative. Ob auch hier noch weitere Querverbindungen zu Initiative Familien bestehen, ist bisher nicht recherchiert.

Verbindungen zu Nigel Farage, Pro-Trump Spendern in den USA

Zu den britischen UsForThem (USF) und ihren Verstrickungen in die Politik sowie den internationalen Parallelen hat auf Twitter und in Byline Times der freie Autor und Lehrer Karam Bales extrem gut recherchierte Informationen veröffentlicht. Ebenfalls in Byline Times schrieb Autor Nafeez Ahmed in einem Artikel: (Übersetzung) „In den letzten Monaten war UsforThem in Partnerschaft mit der Anti-Lockdown-Kampagnengruppe „Time for Recovery“ tätig – einer weiteren Anti-Lockdown-Kampagnenorganisation mit direkten Verbindungen zu Nigel Farage, Pro-Donald Trump-Spendern in den USA und der Konservativen Partei.“

USF-Gründerin Michelle (Molly) Kingsley ist gut vernetzt. Die ehemalige Unternehmensanwältin hat mit der Top-10-Kanzlei Weil, Gotshal & Manges LLP sowie Slaughter und May zusammengearbeitet. Auch UsforThem ist dem ultrarechten Spektrum zuzuordnen, twittert Autor Ahmed.

Von den Koch Brüdern finanziert?

Einige Zitate eines Artikels der US-Journalistin Olivia Little könnten die Beschreibung des Masterplans solcher Initiativen sein:

„Moms for Liberty, eine gemeinnützige Organisation, die behauptet, sich für „Elternrechte“ einzusetzen, scheint Eltern als Schachfiguren zu benutzen, um eine rechtsextreme Agenda voranzutreiben.“ 

„Moms for Liberty präsentiert sich als eine von Eltern geleitete Basisinitiative, aber in Wirklichkeit ist die Organisation gut mit einer Vielzahl republikanischer Politiker und Organisationen verbunden.“

„Moms for Liberty scheint auch mit der Heritage Foundation verbunden zu sein – oder zumindest ein häufiger Förderer von ihr zu sein –, einer rechtsgerichteten, von Koch finanzierten Denkfabrik, die in der Vergangenheit versucht hat, die öffentliche Bildung zu beeinflussen.“ 

Fazit

Ohne das Rampenlicht von Medien werden sich solche Organisation weiterhin als gewöhnliche Elterninitiativen darstellen können, die sich zusammenschließen, um für „Kinderrechte“ zu kämpfen, obwohl mächtige Personen und Institutionen tatsächlich im Hintergrund stehen.

2 Gedanken zu “Das Kind als Kampfmittel

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